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Chisato Shee – Im Rotlicht

Leseprobe: 3:10 zeigte die Digitaluhr am Handgelenk der fast unbekleideten Halb-Japanerin, die sich dort auf dem alten abgelegenen Sofa rekelte. Die Frisur der jungen Frau glich einer Figur aus einem Manga Comic. Die kurzen schwarzen in Spitzen stehenden Strähnen waren unordentlich, aber dennoch passend. Ihr Gesicht sah eindeutig nach einem Bewohner der Insel der Autoindustrie der östlichen Hemisphäre aus und ihre Figur würde, wenn sie nicht eindeutige Spuren von Fitnesstraining zeigte, auch einer Geisha gut stehen, die sie aber ganz sicher nicht war. Davon  zeugten die beiden großen Tätowierungen auf ihren Schultern und ihre kleinen Brüste, die durch den trainierten Körper auch noch mehr ins Flache gezogen wurden. Jetzt wo sie sich streckte, konnte man nur an den Ansätzen erkennen, dass es da dieses weibliche Merkmal gab. Groß war sie nicht, aber dennoch hätte das Gesamtbild ein durchaus ansprechendes Foto ergeben, so wie sie sich, nur mit einem knappen Slip bekleidet, auf dem Sofa räkelte. Die Neonreklame von gegenüber ließ ein paar der alten, spärlichen Holzmöbel im Zimmer erkennen und Chisato sah zu dem Kasten vor dem ihre Sachen auf dem Boden lagen, da sie den Weg in den Wäschekorb nicht mehr gefunden hatten. Ein tiefer Seufzer durchbrach die Stille gemeinsam mit dem Klingelton eines Telefons Baujahr 1960, und sie streckte ihre Hand hinüber zu dem an den Ecken abgeschlagenen Couchtisch, um an ihr Handy zu kommen. Es muss wohl an ihrem Hang zum Nostalgischen liegen, dass sie gerade diesen Klingelton ausgewählt hatte, der zu dem hypermodernen Smartphone mit tausend Funktionen, Superfarbdisplay und alphanumerischer Tastatur überhaupt nicht passte, das sie „auch“ zum telefonieren verwendete. „Shee“, meldete Sie sich und wurde sofort von ihrem männlichen Gesprächspartner über die anstehenden Tagesgeschäfte aufgeklärt. Es war keine Begeisterung, die sich in ihrem Gesicht widerspiegelte, während sie geduldig der zweiminütigen Ansprache lauschte. Nur ein Kurzes „Es ist 3 Uhr morgens“ lies einen leichten Anflug von Gereiztheit erkennbar werden, der von ihrem Gesprächspartner aber scheinbar komplett ignoriert wurde. „Ich bin an dem Job dran“, sagte sie, um das Gesagte zu quittieren und fügte noch ein müdes „Ja Boss!“ hinzu, bevor sie wieder auflegte